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Ultraschall statt Röntgen? Was die S2e-Leitlinie Fraktursonografie wirklich empfiehlt
Seit Februar 2023 gibt es dafür eine evidenzbasierte Alternative mit klaren Regeln: die S2e-Leitlinie Fraktursonografie (AWMF-Register 085-003), federführend herausgegeben von der DEGUM gemeinsam mit acht weiteren Fachgesellschaften, darunter DGOU, DGKCH, DGKJ und DGU. Sie gilt bis Januar 2028 – und definiert erstmals systematisch, wann Ultraschall das Röntgen ersetzen kann, wann er es ergänzt und wo seine Grenzen liegen.
Die Fraktursonografie gewinnt damit in Unfallchirurgie, Notfallmedizin und Pädiatrie weiter an Gewicht. Besonders im Wachstumsalter eröffnet sie bei definierten Indikationen eine strahlungsfreie Alternative zur Röntgendiagnostik.
Die Kernempfehlung: distale Unterarmfraktur bis 12 Jahre
Die stärkste Empfehlung der Leitlinie (Empfehlungsgrad A, starker Konsens) betrifft die häufigste Fraktur des Kindesalters: Bei Verdacht auf eine distale Unterarmfraktur im Wachstumsalter bis 12 Jahre soll die Sonografie als Standarddiagnostik eingesetzt werden. Wird konservativ behandelt, ist keine Röntgenkontrolle mehr nötig – nur bei geplanter Operation kommt das Röntgen ergänzend dazu. Grundlage sind unter anderem eine Metaanalyse (Douma-den Hamer et al. 2016) und die internationale Multicenterstudie SOKRAT II mit fast 500 Patient:innen, in der die zusätzliche Röntgendiagnostik bei keinem einzigen Kind zu einer Therapieänderung führte.
Weitere Empfehlungen im Überblick
| Distaler Unterarm (bis 12 J.) | Sonografie als Standarddiagnostik | A |
| Schädelkalotte (bis 18 J.) | Sonografische Diagnostik, wenn keine CT-/MRT-Indikation nach SHT-Leitlinie besteht | A |
| Ellenbogen (bis 12 J.) | First-Line-Diagnostik über den Nachweis des Gelenkergusses | A |
| Rippen (Erwachsene) | Ultraschall vor Röntgen | A |
| Subkapitale Mittelhandfraktur D5 | Sonografische Messung des palmaren Dislokationswinkels | A |
| Proximaler Humerus (bis 12 J.) | Sonografie als Erstdiagnostik | B |
| Klavikula (Kindesalter) | Sonografische Diagnostik, wenn Bildgebung nötig | B |
| Skaphoid | Sonografie als Screening bei unauffälligem Röntgen | B |
| Sternum | Sonografie beim stumpfen Thoraxtrauma (hämodynamisch stabil) | B |
Die Leitlinie benennt auch klar die Grenzen: Pathologische Frakturen, Schaftfrakturen, Polytrauma und der Verdacht auf Kindesmisshandlung bleiben Domäne von Röntgen und Schnittbildgebung. Ultraschall stellt ausschließlich die kortikale Knochenoberfläche dar – intraossäre Prozesse entgehen ihm.
Warum sich der Methodenwechsel lohnt
Drei Argumente ziehen sich durch die gesamte Leitlinie. Erstens die Strahlenhygiene: Nach dem ALARA-Prinzip soll Röntgenstrahlung eingespart werden, wo eine gleichwertige Methode verfügbar ist – gerade im Wachstumsalter. Zweitens der Schmerz: Mehrere Studien zeigen, dass die korrekt durchgeführte Fraktursonografie im Schnitt weniger schmerzhaft ist als die Röntgenuntersuchung, weil die spezielle Lagerung entfällt und der Schallkopf um die verletzte Extremität herumgeführt wird. Drittens die Effizienz: Kann die Diagnose sonografisch eindeutig gestellt werden, reicht oft ein einziger Arzt-Patienten-Kontakt – die Überweisung zum Röntgen entfällt.
Seit Oktober 2025 ist die Methode bei Kindern zudem als GKV-Leistung abrechenbar. Wie das über die neue GOP 33053 funktioniert und welche Voraussetzungen gelten, lesen Sie im nächsten Beitrag dieser Serie. (→ interner Link auf Artikel 2, sobald veröffentlicht)
Was die Leitlinie von Anwender:innen verlangt
Die Empfehlungen gelten nicht bedingungslos. Die Leitlinie nennt als Voraussetzungen ein Ultraschallgerät mindestens mittlerer Qualität mit hochauflösendem Linearschallkopf, eine standardisierte Dokumentation – und ein spezifisches Training, etwa über einen DEGUM-Kurs oder eine Hospitation. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, greift weiterhin aufs Röntgen zurück; das wertet die Leitlinie ausdrücklich nicht als Fehler. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Ohne nachgewiesene Qualifikation bleibt die leitliniengerechte Fraktursonografie außer Reichweite.
Häufige Fragen zur Fraktursonografie
Kann Ultraschall das Röntgen bei Frakturen komplett ersetzen? Nein. Die Leitlinie stellt klar, dass die Sonografie das Röntgen nur bei definierten Indikationen ersetzt – etwa der distalen Unterarmfraktur bis 12 Jahre – und überflüssige Strahlenexposition vermeiden soll. Schaftfrakturen, pathologische Frakturen und Polytrauma erfordern weiterhin Röntgen bzw. Schnittbildgebung.
Wie zuverlässig ist die Fraktursonografie? Je nach Region sehr zuverlässig: Für Schädelkalottenfrakturen bei Kindern nennt die Leitlinie eine Sensitivität von 91 % und Spezifität von 96 %, bei Rippenfrakturen liegt die Sensitivität mit 97 % über der des Röntgens (77 %).
Welche Qualifikation verlangt die Leitlinie? Ein spezifisches Training, zum Beispiel über einen DEGUM-Kurs oder eine Hospitation, dazu ein geeignetes Gerät mit hochauflösendem Linearschallkopf und eine standardisierte Dokumentation.
Quelle: AWMF 085-003 S2e-Leitlinie Fraktursonografie, Version 1.0 (gültig 01.02.2023–31.01.2028), Ackermann O, Fischer C, Grosser K, Hauenstein C, Kluge S, Moritz JD, Berthold D, Tesch C, von Kaisenberg C. Abrufbar unter register.awmf.org. Stand der Angaben: Juni 2026.